Texterschmiede-Absolvent Oliver Flohrs, Werbetexter bei Jung von Matt in Hamburg.
Als man mir sagte, ich soll auf einer DIN A4 Seite über meinen Beruf schreiben, ging mir als erstes eines durch den Kopf: Wann soll ich das machen? Wenn einem in diesem Job nämlich etwas fehlt, dann ist das Zeit. Überleg dir eine wahnsinnig gute TV-Kampagne, kürze diese Headline, ändere diesen Broschürentext, mach ein super Anzeigenkonzept oder: Versuche, auf einer DIN A4 Seite zu beschreiben, was ein Werbetexter so den ganzen Tag macht. Am besten alles gleichzeitig, alles bis gestern und alles bis ins Detail perfekt, versteht sich.
Die Ironie, die hier durchsickert, ist beabsichtigt: Wer Werbetexter wird, wird das vor allem, weil er Spaß an der deutschen Sprache und noch mehr Spaß an guten Ideen hat - einen 8-Stunden-Tag gibt es selten bis gar nicht. Erstens, weil es eigentlich immer etwas zu tun gibt (ein amerikanischer Werbeguru behauptete einmal: „A creatives’ work is never done.“) und zweitens, weil eine gute Idee nun mal nicht immer während der geregelten Arbeitszeiten kommen will. Da gehört schon viel Begeisterungsfähigkeit dazu.
Das Vorurteil, daß man in der Werbebranche andauernd nur rauschende Partys feiert und dabei teure, französische oder etwas billigere, moussierende Weingetränke konsumiert, stimmt eben nicht ganz. Sicher werden Partys gefeiert, manchmal auch rauschend und dabei wird auch mal Champagner oder Prosecco getrunken, aber gearbeitet wird hier wie in jedem anderen Beruf auch; oft sogar ein bißchen mehr.
„Der Werbetexter ist der kreative Denker und Konzeptionist.“, so definiert es Jung von Matt. Weiter heißt es allerdings: „Bei der Umsetzung der mit dem Art Director erarbeiteten Ideen...“. Denn was die kreative Ideenfindung angeht, arbeitet der Werbetexter idealerweise immer mit einem Art Director zusammen. Dieser hat für gewöhnlich Grafik-Design oder etwas Artverwandtes studiert und ist für die Bilder, die grafische Umsetzung verantwortlich. Texter und Art Director spielen dann Ideen-Pingpong. Also: „Ich habe eine Idee, die geht so und so.“ „Aha, aber könnte man da nicht soundso...“ „Du hast recht, und wenn man jetzt noch soundso...“ Auf diese Art und Weise entstehen die besten Ideen.
Richtig spannend wird es, wenn dann eine dieser bei so einem Pingpong-Spiel entstandenen Kampagnen dem Kunden präsentiert wird. Der Moment, bevor man von seinem Kundenberater das Feedback bekommt, ähnelt dem, wenn man früher in der Schule eine Klassenarbeit zurückbekommen hat. Ist das Feedback gut, bedeutet das schließlich, daß die in unseren Köpfen entstandene Kampagne bald von jedem in ganz Deutschland auf einem Plakat, im Kino oder im Werbeblock bei SAT 1 zu sehen ist.
Die Frage, wie man Werbetexter wird, konnte man vor 10, 20 Jahren noch mit „Du hast Talent? Geh in eine Werbeagentur und beweise es!“ beantworten. Das kommt sicher auch heute noch vor, Talent ist ein sehr wichtiger Faktor. Eigentlich geht es ja in erster Linie darum, neuartige, noch nie da gewesene Geistesblitze zu haben – und wer kann das einem schon beibringen? Man kann allerdings Tips zum Handwerk und eigene Erfahrungen mit auf den Weg geben Die Hamburger Texterschmiede (Gruß von einem Ehemaligen!) und deren Dozenten zum Beispiel tun das seit einigen Jahren sehr erfolgreich. Der Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation auf der Hochschule der Künste in Berlin läßt zumindest die Möglichkeit offen, sich im Hauptstudium auf das Texten zu spezialisieren. Mehr Ausbildungsmöglichkeiten für Texter sind mir (leider) nicht bekannt.
So, die DIN A4 Seite ist jetzt voll und meine Mission ist erfüllt: Die berühmte weiße Seite, der größte Feind des Werbetexters, ist wieder einmal besiegt.